Wechsel die Perspektive

Wechsel die Perspektive

Stell Dir vor, du bist mit deinem Kind gerade auf einer Familienfeier. Dein Kind ärgert sich darüber, dass es mit am Tisch sitzen muss und fängt an mit dir zu diskutieren. Du hast dich schon lange auf diese Feier gefreut. Es nervt dich, dass dein Kind, nun deine Freude trübt und dir immer wieder erzählt, wie langweilig es doch ist. Du hörst dich sagen: „Sei jetzt endlich still und höre mit dem Theater auf!“.

Kommt dir so eine Situation bekannt vor? So oder ähnliche Momente, hat sicher jede Familie schon oft erlebt. Kinder haben andere Bedürfnisse und Interessen als Erwachsene. Doch entscheidend ist an dieser Stelle, wie wir auf das Kind reagieren. Denn die Art und Weise, wie wir mit Kindern reden, hat einen großen Einfluss darauf, ob es zu einem Konflikt kommt oder es zu einem harmonischen und bereichernden Gespräch wird.

 

Blicke auf das Positive

Oft sehen wir zunächst das Negative. Das Kind stört, quengelt und ist laut. Doch was möchte das Kind uns mit seinem Verhalten eigentlich sagen?

Kindern passiert es sehr oft, dass sie bewertet werden. Oft verbunden mit der Aussage:

Das was du gerade machst, ist nicht gut!

Wie würde es Dir als Erwachsenen gehen, wenn dir immer jemand sagt, dass du alles falsch machst? Du wärst sicher verletzt und hättest eventuell das Gefühl, dass andere Menschen dich nicht mit deinem ganzen Potential sehen und dich als Person abwerten. Kein schönes Gefühl.

Doch wie mag es wohl einem Kind gehen, dass erst lernt sich sprachlich auszudrücken und das gerade erst dabei ist, seine Bedürfnisse und Gefühle kennenzulernen?

Ich möchte dich dazu einladen, in diesen Momenten etwas genauer hinzusehen. Auf den ersten Blick, wirkt es so, dass das Kind sich auf der Familienfeier „daneben benimmt“. Es beschwert sich, wird ungeduldig und fängt eventuell an zu schreien. Du wünschst dir wahrscheinlich, dass ihr zusammensitzt und harmonisch ein paar Stunden zusammen verbringt. Eventuell entsteht bei dir auch ein Gefühl von Gereiztheit. In solchen Augenblicken, kann es schnell passieren, dass man eher wahrnimmt, was „anscheinend“ nicht gut läuft, statt die positiven Aspekte in der Situation zu sehen.

Die Unruhe des Kindes, passt dabei zumeist nicht in die Vorstellung, die Erwachsene von einer solchen Feier haben. Doch ist das stundenlange am Tisch sitzen, auch das Bedürfnis des Kindes oder braucht es etwas anderes, damit auch die Kinder einen schönen Tag erleben?

Es macht einen großen Unterschied, ob ich: „Sei endlich still!“ sage oder das Kind frage: „Was möchtest du mir erzählen? “ Denn damit signalisiere ich dem Kind: Ich sehe dich und nehme wahr, dass es dir gerade nicht gut geht. Es ist mir wichtig, dir zuzuhören und mit dir gemeinsam, nach einer Lösung zu suchen.

 

 

Der Unterschied besteht also darin, wie wir auf Situationen reagieren. Tadeln wir das Kind, weil es sich nicht nach unseren Vorstellungen verhält oder erkunden wir gemeinsam mit dem Kind, welche Gefühle sich gerade zeigen und was es in diesem Moment braucht.

Kinder lernen gerade erst, ihre Empfindungen wahrzunehmen und auszudrücken. Oft fällt es ihnen noch schwer, genau in Worte zu fassen, was sie gerade brauchen, um sich gut zu fühlen.

Für uns Erwachsene ist es manchmal ziemlich knifflig herauszufinden, was das Kind gerade beschäftigt. Neben Geborgenheit und Geduld, ist die Sprache, unsere wichtigste Verbindung zu den Kindern. Denn unser Tonfall, unsere Aufmerksamkeit und unsere Worte unterstützen Kinder darin, ihre Gefühle wahrzunehmen und sich zu entwickeln.

Kinder sprachlich zu begleiten, bedeutet : „Ich sehe dich mit deinen Bedürfnissen“.

Mit offenen Fragen und indem du die aufkommenden Gefühle benennst, kannst du dein Kind darin unterstützen, dir mitzuteilen, was ihm gerade wichtig ist.

 

Liebevolle Begleitung

Begegnen wir Kindern auf Augenhöhe, begeben wir uns auch in die Welt der Kinder. Sie fühlen sich gesehen und ernstgenommen. Ein Kind, das sich gesehen fühlt, traut sich seine Gefühle zu äußern. Es lernt, dass es seine Meinung sagen darf ohne verurteilt zu werden und zu guter Letzt, erfährt es, dass Kommunikation wichtig und bereichernd ist.

 

 

Gemeinsames Lernen

Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Denn sie zeigen uns ganz ungefiltert, wie sie eine Situation erleben. Schau genau hin, was dein Kind dir sagen möchte. Behalte auch deine eigenen Gefühle im Blick und versuche ohne zu bewerten, mit deinem Kind zu reden.

Das klingt in der Theorie sehr einfach, in der Praxis ist es das allerdings oft nicht. Von daher möchte ich dich ermutigen, es einfach zu probieren. Sei nicht zu streng mit dir, wenn es mal nicht funktioniert. Aber ich möchte dich darin bestärken, dran zu bleiben und genauer hinzusehen, welches Bedürfnis dein Kind haben könnte.

Nehme dir am Abend ein paar Minuten Zeit, um Gespräche mit deinem Kind nochmal gedanklich durchzugehen. Der Blick zurück hilft dabei, sich immer wiederkehrende Muster im Verhalten und in der Sprache bewusst zu machen. Denn dann, können wir daraus lernen und wachsen:

  • Wie ist das Gespräch verlaufen?
  • Wer hat was gesagt?
  • Welche Gefühle hast du bei deinem Kind und auch bei dir wahrgenommen?
  • Was kannst du aus der Situation lernen?
  • Welche Worte, möchtest du beim nächsten Mal wählen?

 

Wenn wir in die Gedanken- und Gefühlswelt von Kindern eintauchen, dann führt das dazu, dass ihr euch als Familie noch besser kennenlernt. Sich in einen anderen Menschen hinein zu fühlen, hat den wunderbaren Effekt, dass man ein besseres Verständnis füreinander entwickelt. Wenn ich verstehe, warum mein Kind schreit, dann kann ich es begleiten und bin selbst entspannter. Kinder erleben dadurch, dass sie ernst genommen werden und ihnen Verständnis und Liebe entgegengebracht wird, auch wenn sie mal schreiend auf dem Boden liegen.

Wie wir eine Situation bewerten und ob sie uns stresst, hängt von unserer Haltung, aber auch von unserem Blickwinkel ab.

Sehen wir wenn ein Kind schreit, nur dass es „stört“ oder sehen wir in dem Schreien ein Kind, das seine Bedürfnisse und Gefühle zeigt?

Stell die Welt auf den Kopf und wechsel die Perspektive. Denn aus einem anderen Blickwinkel, sieht vieles plötzlich ganz anders aus.

 

„Um klar zu sehen, genügt oft der Wechsel der Blickrichtung.“

(Antoine de Saint-Exupéry)

 

Kennst du diese Momente, in den du dir im Nachhinein gedacht hast, dass du gerne anders reagiert hättest?  Schreibe Sie gerne in die Kommentare, um auch andere Eltern auf ihrem Weg zu unterstützen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Maria

    Gefühle sind körperlich spürbar.
    Doch manchmal fehlen deinem Kind die Worte für seine Gefühle. Umso wichtiger ist es, dass du dich gemeinsam mit deinem Kind mit seinen Gefühlen auseinandersetzt.
    Denn jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung!
    Jeder, der seine Gefühle kennt und diese benennen kann, kann mit ihnen umgehen.

    Welche Gefühle kennt dein Kind?
    Wo spürt dein Kind seine Gefühle?
    Erkennt dein Kind an deinem Gesichtsausdruck und deiner Körperhaltung dein Gefühl?

    Kannst du jedes deiner körperlichen Empfindungen einem Gefühl zuordnen?
    https://beduerfnisorientiertesfamilienleben.com/2020/06/05/selbstwahrnehmung-fuer-dein-kind-dein-kind-entdeckt-seine-gefuehle/

    1. Petra Dölker

      Vielen Dank, für deine wertvolle Ergänzung

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